Schafwolle ist wie alle tierischen Fasern eine Protein- oder Eiweißfaser,
die sehr kompliziert aufgebaut ist. Es handelt sich dabei hauptsächlich
um den Gerüsteiweißstoff, auch Skleroprotein oder Keratin genannt.
Eiweiß ist nicht wie Cellulose ein immer gleichbleibendes, sich aneinanderreihendes
Einzelmolekül, sondern wird aus etwa 20 verschiedenartigen Einzelmolekülen
unterschiedlicher Größe und Reihenfolge gebildet, die man Aminosäuren
nennt.
Es ist charakteristisch für die Aminosäuren, dass sie
sowohl Säuren als auch Basen zugleich sind (amphotischer Charakter) und
dadurch die vielfältigsten Verbindungen eingehen können (siehe z.B.
unter Reinigungskräfte)
Die verschiedenen Aminosäuren reihen sich aneinander
und bilden ein Kettenmolekül, welches als Peptidkette bezeichnet wird. Die
Peptide ordnen sich zu einer Hauptkette mit diversen Seitenketten und sind durch
ihre Form, Größe und Anzahl der Seitenketten bestimmend für die
Art des Eiweißes und die Eigenschaften der Faser.
Die Anordnung der Polypeptidketten im Raum: Zwei bis drei
dieser Peptldketten sind vermutlich seilartig miteinander verdreht und bilden
die kleinste ausmachbare Grundfaser, die sogenannte Protofibrille. Die nächst
höhere Struktur ist die Mikrofibrille, sie läßt sich deutlich
mit dem Elektronenmikroskop erkennen und setzt sich aus 11 Protofibrillen zusammen.
Neun davon bilden einen Kreis, zwei befinden sich im Inneren dieses Ringes. Die
Mikrofibrillen ordnen sich, abgegrenzt durch amorphe Zwischenräume, zu einem
größeren Fibrillenbündel, der Makrofibrille. Die Makrofibrillen
schließlich bilden spindelförmige Cortexzellen, aus denen sich der
Faserstamm (Cortex) zusammensetzt.
Schafwolle besteht wie alle Haare aus drei Aufbauelementen,
der Cuticula (Schuppendecke) als Außenhülle, dem Cortex als eigentlichem
Faserstamm und bei den gröberen Wollen aus dem Markkanal. Die Schuppenzelle
der Cuticula besteht aus mehreren Schichten und dient dem Schutz der Faser. Die
Cuticula hat die Eigenschaft, nur Wasserdampf nicht aber flüssiges Wasser
ins Faserinnere durchzulassen. Sie ist darüber hinaus hydrophob und läßt
das Wasser abperlen. Bei einem größeren Feuchtegehalt der Luft jedoch
und nach Aufnahme einer bestimmten Feuchtigkeitsmenge ändert sich das. Die
Oberfläche der Wolle ist dann durchgängig benetzbar. Man vermutet,
dass beim Verdunsten der Flüssigkeit einzelne Moleküle als Wasserdampf
eine so große Energie besitzen, dass sie den Potentialwall der Peptidkristalle
durchbrechen und in den amorphen Zonen der Faser gebunden werden. Mit zunehmender
Feuchte werden auch freie Flüssigkeitsmoleküle angelagert.
Wolle kann aus der umgebenden Atmosphäre bis zu etwa
35% Feuchtigkeit aufnehmen. Interessant ist dabei, dass die Schurwolle bei
verhältnismäßig geringer Luftfeuchtigkeit relativ viel Wasser
aufnehmen kann, bei höherer Luftfeuchtigkeit in der Proportion aber viel
weniger. Eine Folge dieser ausgeprägten Hygroskopizität ist, dass Wolle
sich unter normalem Raumklima nicht elektrisch aufladen kann.
Wolle bleibt auch in völlig nassem Zustand noch füllig
und wärmehaltend. Die Absorption von Feuchtigkeit ist stets mit einer
Wärmeabgabe verbunden. Wolle erzeugt in diesem Fall selbst Wärme, fast
dreimal soviel wie z.B. Baumwolle. Auch die Elastizität bleibt bei der
Feuchtigkeitsaufnahme weitgehend erhalten. Die Faser springt nach dem Zusammendrücken
wieder auf und klumpt nicht zusammen. In feuchter Wärme, vor allem bei der
Anwesenheit geringer Mengen Alkalien, läßt sich Wolle durch Reiben,
Stauchen oder Drücken leicht verfilzen. Das Filzvermögen der Wollfaser
beruht vor allem auf dem Vorhandensein der Schuppen und wird durch die Kräuselung
begünstigt.
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