Mit der Aussage "milbensicher" treten Anbieter von Kapokprodukten und
Kapokmatratzen auf den Markt. Für Hausstaubmilben-Allergiker ist eine milbenfreie
Matratze aus Naturfasern eine interessante Alternative zu den üblichen Allergiker-Matratzen,
die ausschließlich aus synthetischen Materialien hergestellt werden.
Auch wir finden die Aussage, dass Kapok milbensicher
sein soll, sehr interessiert. So interessant, dass wir ebenfalls Kapok eingekauft
und die Verabeitungsmöglichkeiten getestet haben.
Bevor wir aber mit einem neuen Produkt auf den Markt treten,
wollten wir noch Genaueres über die wunderbaren Eigenschaften der Kapokwolle
wissen. Aus den Verlautbarungen war uns nur bekannt, dass Kapok einen Bitterstoff
enthalten soll, der sowohl Milben als auch Motten davon abhält, die Kapok-Fasern
zu besiedeln. So etwa stand es auch in der Online-Ausgabe des Brockhaus und so
behauptete es auch die Hobbythek des WDR (Jean Pütz).
Uns ging es also nur noch darum, als Beleg eine dokumentierende Untersuchung
darüber zu finden.
Der erste Schritt der Recherche bestand darin, das Internet
zu durchsuchen. Je länger wir aber suchten, desto mehr haben wir (neben
vergleichbaren Behauptungen von ähnlichen Anbietern) vor allem in englischen
und amerikanischen Publikationen gegenteilige Aussagen gefunden, die Allergiker
vor Kapok warnen. Aber auch hier wurden keine wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse
angeführt.
Trotz mehrtägiger Internet-Recherche und der Besuch diverser wissenschaftlicher
Datenbanken haben wir keine Bestätigung über die vermeintlichen Eigenschaften
der Kapokfaser gefunden. Auch die sonst allwissende Encyclopedia Britannica enthielt
keinen diesbezüglichen Hinweis.
Als nächstes haben wir daher die Universitätsbibilothek
Frankfurt aufgesucht und die alten enzyklopädischen Bestände gesichtet,
denn wir wußten, dass die Hochzeit des Kapok und der Kapokpflanzung
lange zurückliegt und nur bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts
hineinreicht. Aber bis auf eine kümmerliche Aussage in einem alten Brockhaus.
(entsprechend der Online-Ausgabe) haben wir nichts über milbenabweisende
Eigenschaften der Kapokfaser gefunden.
Im Katalog des Verbundes der Universitätsbibliotheken ist die Literatur
zum Thema Kapok ebenfalls äußerst dürftig. Es gibt ganze drei
Schriften aus der Zeit der Pflanzer, die mehr über die Kolonialzeit offenbaren
als über die Kapokfaser. Auch hier fanden wir keine entsprechenden Indizien.
Interesse erweckte dagegen eine neuere Untersuchung aus Japan mit dem Titel "Excellent
oil absorbent kapok fiber: fiber structur, chemical characteristics and application",
die wir uns per Fernleihe zukommen ließen. Leider wieder mit negativen
Ergebnissen: neben den hervorragenden öl-absorbierenden Eigenschaften und
der außerordentlichen Schwimmfähigkeit gab es keinen Hinweis auf unsere
Frage.
Schließlich blieb uns nichts anderes übrig, als
diverse Institutionen anzuschreiben, die etwas über das Thema Milben wissen
konnten:
Zuerst haben wir uns an die Chemie-Uni Paderborn mit dem Forschungsprojekt Milbenforschung
(im häuslichen Umfeld) gewandt. Nach Angabe von Dr. Jürgen-Thomas Franz
ist ihm keine Untersuchung bezüglich der milbenabweisenden Eigenschaften
der Kapokfaser bekannt.
Auch die Hobbythek des WDR wußte nichts näheres
mitzuteilen und entschuldigte sich damit, dass Unterlagen zu der Sendung
nicht mehr existieren und dass die Mitarbeiter, die diese Aussagen zusammengetragen
haben, nicht mehr bei Ihnen tätig sind.
Unsere Anfrage bei dem Kapokkontor, dem angeblich größten Kapokimporteur
in Deutschland, wurde nicht beantwortet.
Blieb uns also noch die Brockhaus-Redaktion. Die zuständige Fachredakteurin
entschuldigte sich mit der Begründung, dass die verwendete Formulierung
1990 von einem Autor eingebracht wurde, der nicht mehr mit der Redaktion in Verbindung
steht und dass der Schriftverkehr darüber nicht mehr vorliegt. Kommentierend
fügte sie hinzu: "Wenngleich ich in der älteren Literatur (z.
B. Rohstoffpflanzen der Erde, Urania-Verlag, Leipzig, Jena, Berlin. 1984) Aussagen
finde, dass die Kapokfasern ein unverwüstliches Polstermaterial liefern,
das von Ungeziefer gemieden wird, scheint mir aus heutiger Sicht die Formulierung
motten- und milbensicher doch etwas gewagt. Wenn die Fasern selbst von Schädlingen
nicht angegriffen werden, könnten sich jedoch in den Zwischenräumen
Hautschuppen sammeln, von denen sich z. B. die Hausstaubmilben ernähren."
Unser Fazit:
Wir haben nicht ein Indiz gefunden, das die milbenabweisenden Eigenschaften der
Kapokfaser bestätigen könnte. Wie diese Annahme entstanden ist, konnten
wir genausowenig herausfinden. Wir vermuten aber, dass Kapokfasern wie auch
Baumwollfasern nicht von Motten befallen werden und dass irgendwann diese
(mögliche) Erfahrungstatsache auch auf Milben ausgedehnt wurde.
Selbst wenn Kapok einen Bitterstoff enthalten sollte, der Motten davon abhält,
die Fasern zu verzehren, heißt das noch lange nicht, dass sich nicht
Milben zwischen den Kapokfasern aufhalten können, um sich von den in die
Matratze gefallenen angeschimmelten Hautschuppen zu ernähren. Vielmehr erscheint
uns das Gegenteil wahrscheinlicher. Es ist auch nicht anzunehmen, dass der
angebliche Bitterstoff eine Fernwirkung haben könnte, der die Milben von
der Matratze fernhält.
Aufgrund dieser Überlegungen haben wir uns entschlossen,
unsere Überlegungen aufzugeben, ebenfalls Matratzen mit "milbenabweisenden" Kapokauflagen
anzubieten, . Wir finden es nicht seriös gegen teures Geld, Hoffnungen und
Illusionen bei Allergikern zu wecken, die sich dann nicht einhalten lassen.
Auf Wunsch behandeln wir unsere
Matratzen vorbeugend mit Niemöl zur Milbenabwehr.
Beim Niemöl gibt es inzwischen ausreichend Belege, die darauf schließen
lassen, dass es Milben abtötet und eine Besiedelung der Matratze erfolgreich
verhindern kann.
Wir möchten z. B. auf die 2001 erstellte Studie "Wirkung von Niemöl
auf Varroamilben und Bienen" des schweizerischen Zentrums für Bienenforschung
verweisen, siehe dazu unter: www.apis.admin.ch/deutsch/pdf/Varroa/niemoel_d.pdf
|